2003/10/25 Konzert
im Kloster Michaelstein
"Erbarm dich mein, o Herre Gott"
2003/11/06 Harzer Volksstimme
Festliches Konzert in Michaelstein
Blankenburg (bo). Es stand nicht im Konzertplan der Stiftung Kloster
Michaelstein sondern war ein festliches Sonderkonzert anlässlich der
Jahrestagung der Gesellschaft der Freunde Michaelstein. Um so erfreulicher
erwies sich, dass nicht nur geladene Gäste, sondern auch viele Blankenburger
Musikfreunde der Einladung gefolgt waren und das Refektorium fast gänzlich
füllten. Große Besetzung mit Solisten, Kammerchor und Telemannischem
Collegium Michaelstein machten erwartungsfroh auf das Programm mit Werken
von Gottfried Heinrich Stölzel und Georg Philipp Telemann.
Große
Besetzung machte erwartungsfroh
Mit
der Ouvertüre à la Pastorelle von Telemann begann das Konzert.
In der Fülle der Telemannischen Orchestersuiten ist gerade diese mit
ihrem Wechsel von üblichen mit fast lautmalerischen "kapriziösen"
Suitensätzen ein ungeheuer lebendiges Stück, das von Ludger Rémy
und dem Telemannischen Collegium mit feinem Spürsinn filigran musiziert
wurde.
Zwei Kantaten von Stölzel standen nun im Programm. Die erste "Erbarm
dich mein, o Herre Gott" erlebte ihre Erstaufführung seit fast 300
Jahren. Ludger Rémy hat sie für die heutige Aufführungspraxis
eingerichtet, so wie auch die folgende "Er heißet Fried Fürst"
von Steffen Hoffmann, dem Cellisten des Telemannischen Collegiums, aufbereitet
wurde. Zwei meisterhafte Werke, deren Interpretation durch die Solisten und
das Orchester wahrlich unter die Haut gingen. Der Höhepunkt kam nach
der Pause mit der Aufführung der Kapitänsmusik 1730 nach eigenem
Text von Telemann. Die allegorischen Figuren Freude, Traurigkeit, Wahrheit,
Zeit und Dankbarkeit reflektieren mit dem Chor der traurigen und dem Chor
der freudigen Gemüter die Zeit um 1730 und schließen mit dem wunderbaren
Chor "So gehe hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein bei
gutem Mut" im Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, der allein es vermag,
"den Reichen klein und arm zu machen, den Armen aber groß und reich."
Constanze Backes ist immer eine Garantin für eine nicht nur stimmlich
perfekte, sondern auch ausdrucksstarke Interpretation, ebenso Jan Kobow, der
sich mit seinem warmen Tenor schon lange in die Herzen der Blankenburger Konzertbesucher
gesungen hat. Alan Dornak, erstmals in Michaelstein, belebte bestens die jahrhundertealte
Tradition, die Frauenstimmen mit Männern zu besetzen, wobei seine hohen
Lagen gelegentlich etwas scharf wirkten. Mit Matthias Vieweg ist ein junger
Sänger gewonnen, der seine Partien besonders in den Koloraturen mühelos
und klangvoll gestaltet.
Gleiches Lob gilt dem Chor unter der Leitung von Sebastian Göring, der
chromatische Passagen und Koloraturen mit bestechender Tonqualität meisterte.
Ludger Rémy als profunder Kenner der Telemannschen Musik machte mit
dem Orchester, das in jeder Hinsicht auf seine empfindungsstarken Intuitionen
sensibel reagierte, das gesamte Konzert zu einer Sternstunde.