2002/08/17 Konzert in der Franziskanerklosterkirche, Angermünde
Die Uckermark hört Barock

2002/08/19 Märkische Allgemeine

Musikwochen eröffnet

Sie stand hoch im Kurs, die "barbarische Schönheit" der slawischen Musik im Deutschland der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Gerade der geniale Vielschreiber Georg Philipp Telemann, immer auf der Suche nach Inspirationsquellen, schätzte die Volksmusik Osteuropas wegen ihres außerordentlichen Reichtums an Melodien und harmonischer Farbigkeit als Füllhom musikalischer "Gedancken für ein gantzes Leben".

Vor diesem Hintergrund versprach das Eröffnungskonzert der Uckermärkischen Musikwochen 2002 in der Franziskaner-Klosterkirche in Angermünde viel. Als Auftakt wurden am Sonnabend Raritäten geboten. Eine Ouverture a 7 concertanti F-Dur des böhmischen Komponisten Jan Dismas Zelenka, zwei Telemann-Werke aus dessen Hamburger Schaffensperiode, kredenzt vom Ensemble Collegium 1704 Prag - ein spannend-sinniges Programmkonzept.

Wer freilich bei Zelenka ungestümes dörfliches Musikantentum erwartet, ist schlecht beraten. Der Böhme wirkte unter anderem am Dresdner Hof und in Prag und schuf hochkomplexe Kunstmusik, die in ihrer Qualität oft mit der Arbeit von Johann Sebastian Bach verglichen wird. Dennoch ist es die Lust an besonders spannungsvoller Rhythmik und Harmonik, die Zelenkas musikalische Herkunft erahnen lässt. Das Prager Spezialensemble, historisch korrekt im Stehen musizierend, ließ sich auf diese besonderen Qualitäten der Komposition nicht ein. Eine saubere Technik und Ausgewogenheit im Klang sind den Pragern in jedem Fall zu eigen. Die mit funkelndbrillierenden "Gedancken" gespickte Zelenka-Ouverture wurde jedoch, vielleicht durch Mutlosigkeit, rund und glatt geschliffen.

Besseres gelang dem Kammerchor Michaelstein, der in den beiden Oratorios "Freuet euch des Herrn, ihr Gerechten" (1724) und "Jauchze, jubilier und singe" (1730) von Telemann zum Einsatz kam. Prachtvoll hat Telemann die alljährlich erklingenden Feiermusiken der Hamburgischen Bürgerwache angelegt, stilistisch an Händel und damit an Italiens Musiksprache angelehnt. Unter der Leitung von Ludger Rémy trafen die Chormitglieder genau diesen Tonfall, der die weltliche Feier im protestantischen Hamburg illustriert. Grandios darf in dieser Interpretation das chromatischschmerzerfüllte Chorstück "Es ist Trauern besser denn Lachen" sowie der Schlusschoral und -chor aus dem Werk von 1730 genannt werden.

Damit aber wurde eingelöst, was Kulturministerin Johanna Wanka in ihrer Eröffnungsrede über die Uckermärkischen Musikwochen formulierte: dass das Festival sich zu einem Geheimtipp für Kenner und Liebhaber der Alten Musik entwickelt, auch wenn die Eröffnung, entgegen der Erwartungen, an keinem Punkt "barbarisch" schön war.

Echte Highlights hält das weitere Programm bereit. So wird am 31. August Tasten- Megastar Bob van Asperen an der Wagner-Orgel der Marienkirche in Angermünde Bach, Sweelinck und Froberger interpretieren. Lautenist Stephen Stubbs, ebenfalls eine feste Größe bei den Liebhabern der historischen Aufführungspraxis, wird gleich zweimal, am 31. August und am 1. September, zu erleben sein.

Das nächste Konzert gibt es am 24. August in der Kirche von Groß Fredenwalde bei Gerswalde. Unter dem Motto "Bach und Norddeutschland" findet dort ab 19.30 Uhr ein kammermusikalischer Abend mit dem Bassisten Gotthold Schwarz statt.

Jörg Zimmermann


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