Interkulturelle Begegnungsmaßnahme und Konzertreise nach
Murmansk, 15.-24. Oktober 2000

Montag, 23. Oktober 2000

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Reiseberichte

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Reiseberichte
in Russisch

(Cyrillic
Windows 1251)

Nach einem russisch-feuchtfröhlichen Abend - ich weiß von wenigstens 6 Flaschen Wodka - schien es uns Polarlichter zu geben. Mondweiß kalt, viel größer und beeindruckender als auf Bildern und in der Museumsvorführung. Dieses Leuchten war, wie uns schien weit entfernt von aller Zivilisation, märchenhaft, groß, einfach andersartig und eine gute Idee unserer Reiseorganisatoren. So gingen wir beeindruckt in unsere Röhren, und schliefen müde von der kalten frischen Waldluft ein.
Der nächste Morgen begann, wie üblich, mit einem bemerkenswert wohlschmeckenden naturnah-authentischen Frühstück unter lauter Fernsehberieselung. Die Güte des Essens war am Direktor der Turbasa unübersehbar. Er thronte wie eine Pilzkappe auf seinem Barhocker, den er derart einem erbarmungslosen Belastungstest unterzog.

Die Wächter der TurbasaDurch das Frühstück gestärkt beschlossen die meisten von uns den geplanten Tag in der Natur in die Tat umzusetzen. Zuerst folgten wir einer Straße zum nahegelegenen See. Es gab einen schönen Blick über das klare Wasser zum gegenüberliegenden bewaldeten Ufer. Da dieser Teil der Expedition schon nach zwanzig Minuten beendet war, wanderten wir danach nacheinander, jeweils mit dem Plan eines längeren Spazierganges, von unserer Unterkunft aus, in drei der vier zur Verfügung stehenden Himmelsrichtungen. Jeweils mit dem gleichen Ergebnis: Nach einigen Metern, nachdem verrostete Tonnen und scheinbar motivlos umherliegende Kabel am Wegesrand seltener wurden, wurde der Pfad schlechter, feuchter, und verlor sich auf Nimmerwiedersehen im sumpfigen Wald. Deshalb sahen wir uns dann doch mit nassen Schuhen Simons Videoaufnahmen, meist tanzende russische Mädchen in phantasievoll-bunten Kleidern, an.

Über das Mittagessen ist im wesentlichen zu sagen, was über das Frühstück schon berichtet wurde. Um drei erklärte uns Olga die benachbarte Holzkirche. Die Kapelle war neu, hübsch, und wenn ich mich recht entsinne einer Frau geweiht, die sich nach dem Tod ihres Mannes in Sankt Petersburg verrückt gestellt hat. Bemerkenswerter Weise gab es gleich neben dem Eingang einen großen quaderförmigen Samowar, so dass man im Angesicht der Ikonosthase gemütlich im geweihten Kerzenschein Tee trinken konnte.

Danach durfte, wer mutig und warm angezogen war, eine Fahrt im mühsam vom Wasser befreiten Ruderboot über den See wagen. Es fanden sich neun Mutige, drei Boote voll.

feuerroter SonnenuntergangAm Nachmittag kamen einige von uns dann doch noch zu dem erhofften größeren Ausflug. Nach einem längeren Spaziergang in die noch unbekannte vierte Himmelsrichtung standen wir auf einem flachen Hügel, sahen über eine weite grasbewachsene Fläche und bestaunten im pfeifenden Wind einen feuerroten Sonnenuntergang, dessen Licht sich in rosa Federwölkchen brach. Währenddessen waren Siegmar und Sebastian, erschöpft durch die Verpflichtungen des Tages, aus Murmansk eingetroffen.

Abends nutzten wir noch einmal Sauna und Pool - eine Einrichtung, die auch durch ihre ungewohnte luxuriöse Großzügigkeit und die inspirierende Freizügigkeit der Wandbebilderung erstaunte und geradezu süchtigmachend wohl tat. Punkt zehn Uhr standen wir dann, fröhlich erwärmt und entspannt, teils nackt, teils schon halb bekleidet im Finstern, weil der Stromgenerator der Herberge einen Kurzschluss nicht überstanden hatte. Im Schein eines Feuerzeuges tasteten wir uns zu unseren Sachen und stolperten mit nassen Haaren hinaus in die durch unglaublich helle Sterne beleuchtete Polarnacht.

Da wir um die Geistesgegenwart und Behändigkeit unserer russischen Freunde beim Beheben von Problemen wussten, machten wir uns schon Gedanken, wie wir unser Gepäck in völliger Dunkelheit packen sollten, ohne die Hälfte zu vergessen - beispielsweise bedachten wir die Konsequenzen einer Umwidmung der Kirchenkerzen für den morgigen Flug. Um so erstaunter waren wir, als nach einer knappen halben Stunde das Licht wieder brannte, und wir im Warmen Tee trinken konnten.

Nachdem wir uns in einer kleineren, heute wesentlich ruhigeren Runde gegenseitig unser sängerisches Naturtalent noch einmal bewiesen hatten, waren sie wieder da - die Polarlichter. Mit einem ungerührten majestätischen Leuchten verabschiedeten sie uns aus einem schönen erlebnisreichen Tag in eine kurze Nacht.

Jürgen Finster

 
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