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Reiseberichte
in Russisch
(Cyrillic
Windows 1251) |
Nach einem russisch-feuchtfröhlichen
Abend - ich weiß von wenigstens 6 Flaschen Wodka - schien es uns
Polarlichter zu geben. Mondweiß kalt, viel größer und
beeindruckender als auf Bildern und in der Museumsvorführung. Dieses
Leuchten war, wie uns schien weit entfernt von aller Zivilisation, märchenhaft,
groß, einfach andersartig und eine gute Idee unserer Reiseorganisatoren.
So gingen wir beeindruckt in unsere Röhren, und schliefen müde
von der kalten frischen Waldluft ein.
Der nächste Morgen begann, wie üblich, mit einem bemerkenswert
wohlschmeckenden naturnah-authentischen Frühstück unter lauter
Fernsehberieselung. Die Güte des Essens war am Direktor der Turbasa
unübersehbar. Er thronte wie eine Pilzkappe auf seinem Barhocker,
den er derart einem erbarmungslosen Belastungstest unterzog.
Durch
das Frühstück gestärkt beschlossen die meisten von uns
den geplanten Tag in der Natur in die Tat umzusetzen. Zuerst folgten
wir einer Straße zum nahegelegenen See. Es gab einen schönen
Blick über das klare Wasser zum gegenüberliegenden bewaldeten
Ufer. Da dieser Teil der Expedition schon nach zwanzig Minuten beendet
war, wanderten wir danach nacheinander, jeweils mit dem Plan eines längeren
Spazierganges, von unserer Unterkunft aus, in drei der vier zur Verfügung
stehenden Himmelsrichtungen. Jeweils mit dem gleichen Ergebnis: Nach
einigen Metern, nachdem verrostete Tonnen und scheinbar motivlos umherliegende
Kabel am Wegesrand seltener wurden, wurde der Pfad schlechter, feuchter,
und verlor sich auf Nimmerwiedersehen im sumpfigen Wald. Deshalb sahen
wir uns dann doch mit nassen Schuhen Simons Videoaufnahmen, meist tanzende
russische Mädchen in phantasievoll-bunten Kleidern, an.
Über das Mittagessen ist im wesentlichen zu sagen, was über
das Frühstück schon berichtet wurde. Um drei erklärte
uns Olga die benachbarte Holzkirche. Die Kapelle war neu, hübsch,
und wenn ich mich recht entsinne einer Frau geweiht, die sich nach dem
Tod ihres Mannes in Sankt Petersburg verrückt gestellt hat. Bemerkenswerter
Weise gab es gleich neben dem Eingang einen großen quaderförmigen
Samowar, so dass man im Angesicht der Ikonosthase gemütlich im
geweihten Kerzenschein Tee trinken konnte.
Danach durfte, wer mutig und warm angezogen war, eine Fahrt im mühsam
vom Wasser befreiten Ruderboot über den See wagen. Es fanden sich
neun Mutige, drei Boote voll.
Am
Nachmittag kamen einige von uns dann doch noch zu dem erhofften größeren
Ausflug. Nach einem längeren Spaziergang in die noch unbekannte
vierte Himmelsrichtung standen wir auf einem flachen Hügel, sahen
über eine weite grasbewachsene Fläche und bestaunten im pfeifenden
Wind einen feuerroten Sonnenuntergang, dessen Licht sich in rosa Federwölkchen
brach. Währenddessen waren Siegmar und Sebastian, erschöpft
durch die Verpflichtungen des Tages, aus Murmansk eingetroffen.
Abends nutzten wir noch einmal Sauna und Pool - eine Einrichtung, die
auch durch ihre ungewohnte luxuriöse Großzügigkeit und
die inspirierende Freizügigkeit der Wandbebilderung erstaunte und
geradezu süchtigmachend wohl tat. Punkt zehn Uhr standen wir dann,
fröhlich erwärmt und entspannt, teils nackt, teils schon halb
bekleidet im Finstern, weil der Stromgenerator der Herberge einen Kurzschluss
nicht überstanden hatte. Im Schein eines Feuerzeuges tasteten wir
uns zu unseren Sachen und stolperten mit nassen Haaren hinaus in die
durch unglaublich helle Sterne beleuchtete Polarnacht.
Da wir um die Geistesgegenwart und Behändigkeit unserer russischen
Freunde beim Beheben von Problemen wussten, machten wir uns schon Gedanken,
wie wir unser Gepäck in völliger Dunkelheit packen sollten,
ohne die Hälfte zu vergessen - beispielsweise bedachten wir die
Konsequenzen einer Umwidmung der Kirchenkerzen für den morgigen
Flug. Um so erstaunter waren wir, als nach einer knappen halben Stunde
das Licht wieder brannte, und wir im Warmen Tee trinken konnten.
Nachdem wir uns in einer kleineren, heute wesentlich ruhigeren Runde
gegenseitig unser sängerisches Naturtalent noch einmal bewiesen
hatten, waren sie wieder da - die Polarlichter. Mit einem ungerührten
majestätischen Leuchten verabschiedeten sie uns aus einem schönen
erlebnisreichen Tag in eine kurze Nacht.
Jürgen
Finster
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