Interkulturelle Begegnungsmaßnahme und Konzertreise nach
Murmansk, 15.-24. Oktober 2000

Mittwoch, 18. Oktober 2000

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Reiseberichte

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15.10.2000


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Reiseberichte
in Russisch

(Cyrillic
Windows 1251)

Nachdem wir, wie gewöhnlich, unser Frühstück in der Zeit von 9.00 bis 10.00 Uhr eingenommen und danach im Foyer des Hotels auch auf die Ankunft der letzten Nachzügler aus der Wohngemeinschaft 724/726 gewartet hatten, spazierten wir zur Pädagogischen Universität, dem Gebäude, welches uns schon durch die tägliche Mittag- und Abendessen-Einnahme bekannt war. Dort lauschten wir zunächst einem kleinen Konzert des Chores der Künstlerischen Fakultät, der vor allem durch eine zahlenmäßig überhohe Präsenz der Frauenstimmen beeindruckte und uns unter anderem zeigte, wie man "Ich liebe dich" von Orlando di Lasso in und auf Russisch interpretieren kann. Unser Chor bedankte sich mit gehörigem Applaus und einem ebenfalls kleinen Ausschnitt aus unserem Programm, welches mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Nur unser äußerliches Auftreten ist nicht ebenbürtig gewesen, da wir aufgrund einer organisatorischen Fehlinformation, im Gegensatz zum Fakultätschor, ohne Konzertkleidung da standen.

An diese musikalische Begegnung schlossen sich einige Informationen über die Studienmöglichkeiten an der Künstlerischen Fakultät an. Malerei, sämtliche Musikinstrumente, Chor- und Sologesang sind im wesentlichen die zur Verfügung stehenden Fächer. Die Anforderungen, schon bei den Aufnahmeprüfungen, sind hoch, und nach fünf Jahren kann man das Studium, je nach Wunsch und Begabung, mit einem pädagogischen oder einem künstlerischen Diplom abschließen. Erwähnen möchten wir noch, dass die Murmansker Kulturpolitik unser aller Respekt hervorgerufen hat. Die Förderung junger Talente wird äußerst ernst genommen, und die Ergebnisse dieser Arbeit durften wir überall bewundern.

Nach dem Ausflug in den theoretischen Studienalltag brauchten wir nun nur noch die Treppe hinunterzustolpern, um unser Mittagsmahl zu uns zu nehmen, worauf wir noch einmal Zeit für persönliche Besorgungen hatten und uns später am Hotel wiedertrafen.

BahnübergangVon dort aus erreichten wir, nach einer kleinen Wanderung über Asphalt und für uns ungewohnt breite Schienen durch das Bahnhofs-, Industrie- und Hafengelände von Murmansk, den Reparaturhafen. Ohne Passkontrolle wurden wir eingelassen und Dima, der uns führte, hatte alle Hände damit zu tun, uns beisammen zu halten, da immer irgend jemand aus dem Haufen ausbrach, um das eine oder andere Motiv auf Celluloid zu bannen. Aber diese riesigen schwimmenden Kästen, all der Stahl und auch Rost und Dreck waren in ihrer oft erschreckenden Massigkeit äußerst beeindruckend. Dann kamen wir zu einem, einem Wrack nicht unähnlich aussehenden Schiff Namens "LENIN". Sebastian M.Nach unseren Informationen der Atomeisbrecher, dem unser Besuch gelten sollte. Doch wir überquerten ihn nur und erreichten über einen Steg den Atomeisbrecher "SIBIR". Hier begrüßte uns der Kapitän höchst persönlich mit ein paar einführenden Worten und der Bitte um Vor- und Rücksicht an Bord (Niemand solle den anderen in den Rücken treten, die Treppen runterschubsen usw.), und sein abschließender Satz an dieser Stelle war: "Zuerst besuchen wir die Kommandobrücke und dann gehen wir langsam unter.". Zumindest war er dies in der Übersetzung Kolja's, der aber seinen Fehler, ob des großen Gelächters, das sich daran anschloss, sofort registriert hatte und den verwundert dreinschauenden Kapitän aufklärte.

KommandobrückeAuf der Kommandobrücke und auf dem weiteren Rundgang erfuhren wir eine Menge Fakten, von denen vieles aber auch die Vorstellungsvermögen kleiner Tenorgehirne überforderte und deshalb nicht detaillierter erläutert werden kann. Die Besatzung des Schiffes (Baujahr 1978) bestehe aus 120 Männern, und die Kommandobrücke sei rund um die Uhr mit zwei Offizieren und zwei Matrosen in einer Vier-Stunden-Schicht besetzt, erklärte uns der Kapitän dort. Er selbst sei seit 18 Jahren auf dem Schiff und seit drei Jahren Kapitän. Die Länge des Eisbrechers beträgt 138 Meter, die Höhe 50 Meter, der Bug aus 80 Millimeter dickem Spezialstahl geht durch Eis bis zu fünfeinhalb Metern Dicke, etwa 1800 Räume gibt es an Bord und wenn das Ding läuft, können es keine 78 000 Pferde mehr aufhalten. Wer da übrigens mal mitfahren will, braucht nur läppische 35.000$ hinzulegen, und dafür gibt es dann eine Spazierfahrt zum Nordpol. Auf eine 24-stündige Anfahrzeit muss man sich allerdings einstellen, wofür man aber 500 Tage Unabhängigkeit von jeder Treibstoffzufuhr garantiert bekommt; und da geht es los! Im Reaktorsteuerraum versuchten der Kapitän und ein Cheftechniker, der ihm zu Hilfe eilte, uns klar zu machen, wie so ein Atomeisbrechermotor überhaupt funktioniert. Mag sein, dass das auch welche verstanden haben - wir irgendwann jedenfalls nicht mehr! Nur soweit, als dass das Schiff mit zwei Reaktoren fährt, die eine Lebenszeit von 25 Jahren haben, 241 Urankassetten in einen Reaktor passen, der ein Fass von etwa ein mal fünf Meter ist und der aus Zement, Wasser, Blei und Stahl zum Schutz vor der Strahlung besteht. Eine Brennladung hat eine Leistung von zwei Millionen Megawatt und kann vier bis fünf Jahre benutzt werden. Die Temperatur in Kontrollraum einem Reaktor beträgt 300°C und der Druck 130 kg/cm². Die Frage nach der Entsorgung fiel natürlich auch, und der Techniker redete aber ganz so, als sei das alles kein Problem. Von den zwei verschiedenen Urantypen (235 und 238 irgendwas) wäre einer wiederaufbereitbar und der andere würde eben irgendwo sicher endgelagert. Die Strahlungswerte an Bord seien übrigens völlig unbedenklich, würden auch ständig überprüft und seien außerdem - wie die Werte in Murmansk überhaupt - sogar niedriger als in Moskau und Sankt Peterburg, weil es dort so viele große Gebäude aus Granit gibt, und Granit gibt radioaktive Strahlung ab. An Bord befanden sich zu unserer Zeit keine Brennelemente, da der Eisbrecher sich ja gerade in Reparatur befand. Trotzdem war auf die Ankündigung hin, dass wir nun den Reaktoren besichtigen würden, zunächst eine kleine Unsicherheit bei einigen bemerkbar. "Aber ich wollte eigentlich noch Kinder kriegen", meinte Astrid, als es in den Reaktorraum selbst ging. Das heißt, ganz hinein, wie vorher gewitzelt wurde, kamen wir doch nicht, aber immerhin durch eine Scheibe aus einem Kontrollraum hineinspähen konnten wir. Eine spannende Angelegenheit, auch wenn man das alles gar nicht recht fassen und begreifen kann. Wieder an den Ausgangspunkt unseres Ausfluges durch das Schiff zurückgekehrt, fühlten doch noch einige aus unserem Chor dem Kapitän auf den Zahn, der sich doch sehr überlegt und durchaus nicht unkritisch zu dem Problem Atomkraft äußerte. Doch die Zeit wurde schon wieder knapp, das Abendessen wartete, Dima drängelte, und so sangen wir dem Kapitän zum Dank noch ein fröhliches Liedchen, worauf er sich bedankte mit den rührenden Worten, dass es schön sei, Menschen zu sehen, die so viel Freude an ihrer Arbeit haben.

Beim "menu de soir" ließ Jürgen, unser Psychologenphysiker, die Bemerkung fallen, in unserem Chor ginge es ein wenig "sozialdarwinistisch" zu. Er berief sich damit auf die Situation, als wir in einer Chorprobe unsere endgültige Aufstellung durchgingen, er sich einen Platz in der zweiten Reihe Mitte ausgesucht hatte, seine Tasche dort hinsetzte, noch mal kurz verschwand, und als er wiederkam stand diese in der ersten Reihe am Rand. Er ist trotzdem fröhlich geblieben und hat sich sogar, wie auch andere, zu einer außerordentlichen Bassprobe am Abend hinreißen lassen. Den Mitgliedern anderer Stimmgruppen, die zur Vervollständigung des Klangbildes beigetragen haben, sei hiermit ebenfalls recht herzlich gedankt. Abgeschlossen wurde die Probe und der Abend mit einer fröhlichen Wodkaverköstigung.

Zum Schluss noch ein großes Dankeschön an überhaupt alle Beteiligten, da die Reise sonst nicht das gewesen wäre, was sie war: Wunderschön!

Sebastian Mende & David Schwager

 
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