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Reiseberichte
in Russisch
(Cyrillic
Windows 1251) |
Nachdem wir, wie gewöhnlich,
unser Frühstück in der Zeit von 9.00 bis 10.00 Uhr eingenommen
und danach im Foyer des Hotels auch auf die Ankunft der letzten Nachzügler
aus der Wohngemeinschaft 724/726 gewartet hatten, spazierten wir zur
Pädagogischen Universität, dem Gebäude, welches uns schon
durch die tägliche Mittag- und Abendessen-Einnahme bekannt war.
Dort lauschten wir zunächst einem kleinen Konzert des Chores der
Künstlerischen Fakultät, der vor allem durch eine zahlenmäßig
überhohe Präsenz der Frauenstimmen beeindruckte und uns unter
anderem zeigte, wie man "Ich liebe dich" von Orlando di Lasso
in und auf Russisch interpretieren kann. Unser Chor bedankte sich mit
gehörigem Applaus und einem ebenfalls kleinen Ausschnitt aus unserem
Programm, welches mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Nur
unser äußerliches Auftreten ist nicht ebenbürtig gewesen,
da wir aufgrund einer organisatorischen Fehlinformation, im Gegensatz
zum Fakultätschor, ohne Konzertkleidung da standen.
An diese musikalische Begegnung schlossen sich einige Informationen
über die Studienmöglichkeiten an der Künstlerischen Fakultät
an. Malerei, sämtliche Musikinstrumente, Chor- und Sologesang sind
im wesentlichen die zur Verfügung stehenden Fächer. Die Anforderungen,
schon bei den Aufnahmeprüfungen, sind hoch, und nach fünf
Jahren kann man das Studium, je nach Wunsch und Begabung, mit einem
pädagogischen oder einem künstlerischen Diplom abschließen.
Erwähnen möchten wir noch, dass die Murmansker Kulturpolitik
unser aller Respekt hervorgerufen hat. Die Förderung junger Talente
wird äußerst ernst genommen, und die Ergebnisse dieser Arbeit
durften wir überall bewundern.
Nach dem Ausflug in den theoretischen Studienalltag brauchten wir nun
nur noch die Treppe hinunterzustolpern, um unser Mittagsmahl zu uns
zu nehmen, worauf wir noch einmal Zeit für persönliche Besorgungen
hatten und uns später am Hotel wiedertrafen.
Von
dort aus erreichten wir, nach einer kleinen Wanderung über Asphalt
und für uns ungewohnt breite Schienen durch das Bahnhofs-, Industrie-
und Hafengelände von Murmansk, den Reparaturhafen. Ohne Passkontrolle
wurden wir eingelassen und Dima, der uns führte, hatte alle Hände
damit zu tun, uns beisammen zu halten, da immer irgend jemand aus dem
Haufen ausbrach, um das eine oder andere Motiv auf Celluloid zu bannen.
Aber diese riesigen schwimmenden Kästen, all der Stahl und auch
Rost und Dreck waren in ihrer oft erschreckenden Massigkeit äußerst
beeindruckend. Dann kamen wir zu einem, einem Wrack nicht unähnlich
aussehenden Schiff Namens "LENIN". Nach
unseren Informationen der Atomeisbrecher, dem unser Besuch gelten sollte.
Doch wir überquerten ihn nur und erreichten über einen Steg
den Atomeisbrecher "SIBIR". Hier begrüßte uns der
Kapitän höchst persönlich mit ein paar einführenden
Worten und der Bitte um Vor- und Rücksicht an Bord (Niemand solle
den anderen in den Rücken treten, die Treppen runterschubsen usw.),
und sein abschließender Satz an dieser Stelle war: "Zuerst
besuchen wir die Kommandobrücke und dann gehen wir langsam unter.".
Zumindest war er dies in der Übersetzung Kolja's, der aber seinen
Fehler, ob des großen Gelächters, das sich daran anschloss,
sofort registriert hatte und den verwundert dreinschauenden Kapitän
aufklärte.
Auf
der Kommandobrücke und auf dem weiteren Rundgang erfuhren wir eine
Menge Fakten, von denen vieles aber auch die Vorstellungsvermögen
kleiner Tenorgehirne überforderte und deshalb nicht detaillierter
erläutert werden kann. Die Besatzung des Schiffes (Baujahr 1978)
bestehe aus 120 Männern, und die Kommandobrücke sei rund um
die Uhr mit zwei Offizieren und zwei Matrosen in einer Vier-Stunden-Schicht
besetzt, erklärte uns der Kapitän dort. Er selbst sei seit
18 Jahren auf dem Schiff und seit drei Jahren Kapitän. Die Länge
des Eisbrechers beträgt 138 Meter, die Höhe 50 Meter, der
Bug aus 80 Millimeter dickem Spezialstahl geht durch Eis bis zu fünfeinhalb
Metern Dicke, etwa 1800 Räume gibt es an Bord und wenn das Ding
läuft, können es keine 78 000 Pferde mehr aufhalten. Wer da
übrigens mal mitfahren will, braucht nur läppische 35.000$
hinzulegen, und dafür gibt es dann eine Spazierfahrt zum Nordpol.
Auf eine 24-stündige Anfahrzeit muss man sich allerdings einstellen,
wofür man aber 500 Tage Unabhängigkeit von jeder Treibstoffzufuhr
garantiert bekommt; und da geht es los! Im Reaktorsteuerraum versuchten
der Kapitän und ein Cheftechniker, der ihm zu Hilfe eilte, uns
klar zu machen, wie so ein Atomeisbrechermotor überhaupt funktioniert.
Mag sein, dass das auch welche verstanden haben - wir irgendwann jedenfalls
nicht mehr! Nur soweit, als dass das Schiff mit zwei Reaktoren fährt,
die eine Lebenszeit von 25 Jahren haben, 241 Urankassetten in einen
Reaktor passen, der ein Fass von etwa ein mal fünf Meter ist und
der aus Zement, Wasser, Blei und Stahl zum Schutz vor der Strahlung
besteht. Eine Brennladung hat eine Leistung von zwei Millionen Megawatt
und kann vier bis fünf Jahre benutzt werden. Die Temperatur in
einem Reaktor beträgt 300°C und der Druck 130 kg/cm².
Die Frage nach der Entsorgung fiel natürlich auch, und der Techniker
redete aber ganz so, als sei das alles kein Problem. Von den zwei verschiedenen
Urantypen (235 und 238 irgendwas) wäre einer wiederaufbereitbar
und der andere würde eben irgendwo sicher endgelagert. Die Strahlungswerte
an Bord seien übrigens völlig unbedenklich, würden auch
ständig überprüft und seien außerdem - wie die
Werte in Murmansk überhaupt - sogar niedriger als in Moskau und
Sankt Peterburg, weil es dort so viele große Gebäude aus
Granit gibt, und Granit gibt radioaktive Strahlung ab. An Bord befanden
sich zu unserer Zeit keine Brennelemente, da der Eisbrecher sich ja
gerade in Reparatur befand. Trotzdem war auf die Ankündigung hin,
dass wir nun den Reaktoren besichtigen würden, zunächst eine
kleine Unsicherheit bei einigen bemerkbar. "Aber ich wollte eigentlich
noch Kinder kriegen", meinte Astrid, als es in den Reaktorraum
selbst ging. Das heißt, ganz hinein, wie vorher gewitzelt wurde,
kamen wir doch nicht, aber immerhin durch eine Scheibe aus einem Kontrollraum
hineinspähen konnten wir. Eine spannende Angelegenheit, auch wenn
man das alles gar nicht recht fassen und begreifen kann. Wieder an den
Ausgangspunkt unseres Ausfluges durch das Schiff zurückgekehrt,
fühlten doch noch einige aus unserem Chor dem Kapitän auf
den Zahn, der sich doch sehr überlegt und durchaus nicht unkritisch
zu dem Problem Atomkraft äußerte. Doch die Zeit wurde schon
wieder knapp, das Abendessen wartete, Dima drängelte, und so sangen
wir dem Kapitän zum Dank noch ein fröhliches Liedchen, worauf
er sich bedankte mit den rührenden Worten, dass es schön sei,
Menschen zu sehen, die so viel Freude an ihrer Arbeit haben.
Beim "menu de soir" ließ Jürgen, unser Psychologenphysiker,
die Bemerkung fallen, in unserem Chor ginge es ein wenig "sozialdarwinistisch"
zu. Er berief sich damit auf die Situation, als wir in einer Chorprobe
unsere endgültige Aufstellung durchgingen, er sich einen Platz
in der zweiten Reihe Mitte ausgesucht hatte, seine Tasche dort hinsetzte,
noch mal kurz verschwand, und als er wiederkam stand diese in der ersten
Reihe am Rand. Er ist trotzdem fröhlich geblieben und hat sich
sogar, wie auch andere, zu einer außerordentlichen Bassprobe am
Abend hinreißen lassen. Den Mitgliedern anderer Stimmgruppen,
die zur Vervollständigung des Klangbildes beigetragen haben, sei
hiermit ebenfalls recht herzlich gedankt. Abgeschlossen wurde die Probe
und der Abend mit einer fröhlichen Wodkaverköstigung.
Zum Schluss noch ein großes Dankeschön an überhaupt
alle Beteiligten, da die Reise sonst nicht das gewesen wäre, was
sie war: Wunderschön!
Sebastian
Mende & David Schwager
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